22.04.2021

Ein Eiszeitwald unter einem Pfarrhaus?

Grabungskräfte beim Freilegen des größten Baumstammes

Im vorletzten Beitrag unseres Blogs hatten wir von der Grabung im Paderborner Stadtteil Schloss Neuhaus berichtet, bei welcher unter einem modernen Pfarrhaus sowohl ein barockes Wohnhaus, als auch eisenzeitliche Siedlungsüberreste gefunden worden sind. Im Laufe März kamen auf dem Gelände erneut Zeugnisse früherer Zeiten zum Vorschein: Beim Aushub der Baugrube ist das Grabungsteam auf mehrere, gut erhaltene Baumstämme gestoßen. Der größte misst gut 8,5 m und weist (wie mehrere andere der freigelegten Stämme auch) zahlreiche Verästlungen auf. Der grabungsleitende Archäologe Till Lodemann, unter Fachaufsicht des LWL, hält ein Alter von ca. 13.000 Jahren für wahrscheinlich.

 

Die Grabung in Schloss Neuhaus, die dem Neubau des Pfarrhauses der katholischen Kirchengemeinde vorrangeht, sollte eigentlich schon Ende Februar zu einem Ende kommen. Wegen eines freigelegten Brunnens war es noch nötig die Ausgrabung bis zur Tiefe des anstehenden Mineralbodens fortzusetzen; bei diesem Schritt kamen überraschenderweise die Baumstämme zu Tage. Der Fund warf die Planung zum Abschluss zunächst einmal über den Haufen: Auf der Grabung wurden dringend weitere Grabungskräfte benötigt, um die vorzeitlichen Baumstämme freizulegen und zu bergen. Mit verstärktem Personaleinsatz legten die Archäolog:innen die übereinanderliegenden Hölzer in den Torfschichten frei, in welchen man auch noch Käferreste und Kiefernzapfen finden konnte.

 

Die atemberaubende Datierung der Baumüberreste ergibt sich aus einer vorhergegangenen geologischen Stratigrafieuntersuchung, welche der Geologische Dienst NRW vorgenommen hat. Die Schicht des anstehenden Bodens stammt demnach aus der Spätphase der letzten Eiszeit. Der Sand, aus dem die Schicht besteht, scheint in der Jüngeren Dryaszeit (10.730–9.700 v. Chr.) aufgeweht worden zu sein. Die darunterliegende Schicht (in der sich die Hölzer befunden haben) sei eine typisch eiszeitliche Flussschwemmlandschaft und stamme aus dem Allerød-Interstadial (11.400–10.730 v. Chr.). Dementsprechend müssten die Hölzer ein Alter von etwa 13.000 Jahren haben. Eine Einschätzung, welche Grabungsleiter Lodemann für „ziemlich sicher“ erachtet, aber noch durch eine Baumringdatierung bestätigt werden muss.

 

Der Umgang mit dem jahrtausendealten Holz stellt alle Beteiligten vor einige Herausforderungen: Die Stämme sind zwar in Form und Struktur gut erhalten, doch sind sie durch die langanhaltende Feuchtigkeit weitaus empfindlicher als „frisches“ Holz – ein Umstand welcher sich speziell beim Freikratzen der umliegenden Schwemmsandschichten bemerkbar macht und besondere Vorsicht bei der Arbeit nötig werden lässt. Weiter ist der gute Erhaltungszustand der Objekte dadurch bedingt, dass diese durch Wasser und Sand von Sauerstoff abgeschirmt und so vor Zersetzung bewahrt wurden. Für den Umgang mit ihnen bedeutet das, dass bis die Stücke eingehend präpariert worden sind, jeder unnötige Luftkontakt vermieden werden muss. Stämme und Fragmente müssen dementsprechend in luftdichte Folie eingewickelt in Wasser gelagert werden.

Übersicht über die Ausgrabungsfläche: Uralte Baumstämme auf mächtigen Torfschichten

Noch während der Finalisierung der Grabung (Mitte April) wurden Proben der Holzstämme von Mitarbeiter:innen der LWL-Archäologie für Westfalen nach Köln transportiert, wo die Stücke in der Dendroarchäologie der Uni Köln einer dendrochronologischen Untersuchung (von griech. déndron „Baum“ und chrónos „Zeit“) unterzogen werden. Bei dieser werden die Jahrringe der gefundenen Stämme analysiert und mit sogenannten Referenzkurven abgeglichen. Die Ausprägung der Jahrringe hängt unter anderem von verschiedenen Umwelteinflüssen ab, die sich bei Bäumen ähnlicher Standort- und Klimasituation gleichen. Durch die Ringe lässt sich der jeweilige Baumstamm ziemlich genau datieren. Die klimatischen Umstände unterscheiden sich regional, so existieren für unterschiedliche Regionen eigene Jahrringkalender. Als Fund der nicht alltäglichen Sorte könnten die Neuhäuser Urzeit-Baumstämme so unter Umständen dazu dienen, die Referenzkurven des westfälischen Jahrringkalenders zu verfeinern und dazu beitragen, Erkenntnisse über die Klimabedingungen unserer Region in der Eiszeit zu liefern.

 

Über die Auswertung hinaus könnten die Stämme demnächst auch museale Ausstellungsstücke werden. Neben dem lokalen Naturkundemuseum in Schloss Neuhaus haben das Stadtmuseum Lippstadt, das Lippische Landesmuseum Detmold und nicht zuletzt das LWL-Museum für Naturkunde in Münster Interesse angemeldet.

 

 

Text und Fotos: LWL/ Finn Jäker

Deckbild: Till J. Lodemann

 

Quellen: Grabungsleiter Till J. Lodemann

LWL-Archäologie für Westfalen – Stadtarchäologie Paderborn

http://www.landesmuseum-trier.de/de/home/ueber-uns/dendrochronologisches-forschungslabor/methode.html

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